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  • Federica Suess

Das "Lieferkettengesetz"​ & der NAP: Wie Unternehmen die 5 Kernelemente erfolgreich umsetzen können

Updated: Sep 19, 2020

Der Nationale Aktionsplan für Wirtschaft und Menschenrechte (NAP) wurde 2016 von der Bundesregierung ins Leben gerufen. Er fordert Unternehmen dazu auf, Menschenrechtliche Sorgfaltsprozesse (sehr sperriges Wort) einzuführen. Im Grunde geht es darum, zu wissen wo man als Unternehmen ggf. Menschenrechte entlang der Lieferkette negativ beeinflusst und dagegen vorzugehen.

Die Einhaltung des NAP wurde seit 2018 überprüft und die Resultate wurden am 14. Juli 2020 auf einer Pressekonferenz von Bundesarbeitsminister Hubertus Heil und Bundesentwicklungsminister Gerd Müller vorgestellt. Nur ca. 20% der überprüften Unternehmen erfüllen den NAP und achten die Menschenrechte in dem gewünschten Umfang.

Aufgrund der sehr ernüchternden Resultate soll nun der zweite Gang eingelegt werden. Es soll zu einem Gesetz kommen. 

In diesem Artikel beschreibe ich die 5 Kernelemente des NAP, die sehr wahrscheinlich auch in das Gesetz übernommen werden. Damit hoffe ich vor allem KMU ein bisschen Klarheit über die Anforderungen und deren Umsetzung zu verschaffen. 

Kernelement 1: Die Grundsatzerklärung 

Das erste Element im NAP ist die Grundsatzerklärung. Sie soll das Committment des Unternehmens signalisieren, Menschenrechte zu schützen und wird von der Geschäftsführung verabschiedet. Auch wenn Sie als erstes Element beschrieben wird, kommt die Grundsatzerklärung in der Praxis fast nie an erster Stelle. Die Grundsatzerklärung ist nicht gleichzusetzen mit einem Verhaltenskodex, den Sie vielleicht aus der Praxis schon kennen. In ihr soll vielmehr das Verfahren beschrieben werden, wie Ihr Unternehmen sicherstellt, dass Menschenrechte geachtet und geschützt werden. 

Kernelement 2: Die Ermittlung von Auswirkungen und Risiken

Das zweite Element im NAP ist die Ermittlung von Auswirkungen und Risiken. Dieser Teil ist der Kern der Sorgfaltspflicht und somit sollten Sie jetzt genau aufpassen. :) Die Risikoanalyse zeigt Ihnen, wo Ihre Hot-Spots liegen in der Lieferkette. Beispiele können sein: Diskriminierung, Arbeitsschutz und Zwangsarbeit. Die Risikoanalyse ermöglicht eine effektivere Herangehensweise, denn der Fokus liegt auf den tatsächlichen und schwerwiegenden Problemen. Diese können natürlich auch an unerwarteten Stellen in der Lieferkette auftreten und somit ist es wichtig, diese Analyse gründlich durchzuführen. Es hat sich gezeigt, dass die Auditierung von Direktlieferanten, so wie es oft gemacht wurde, oft nicht zu verbesserten Arbeitsbedingungen geführt hat und teilweise auch die wichtigen Themen dadurch übersehen wurden. 

Die Durchführung der Analyse sollte regelmäßig stattfinden, da sich Lieferanten ändern und auch neue Geschäftsfelder mit neuen Risiken hinzukommen können. 

Wie sehen nun die einzelnen Schritte einer solchen Risikoanalyse aus?

  • Zuerst müssen Sie eine Bestandsaufnahme durchführen. Wo stehen Sie heute? Welches Level an Arbeitsstandards haben Ihre Zulieferer? Kennen Sie alle relevanten Akteure in Ihrer Lieferkette? 

  • Dann füttern Sie diese Erstinformation mit weiteren Daten an. Befragen Sie dazu Ihre Lieferanten, NGOs oder andere Fachexperten zu den Menschenrechtsrisiken in einer bestimmten Branche oder einer bestimmten Region. 

  • Werten Sie dann diese Daten einmal aus. Welche Themen sind nun relevant? Welche Akteure tangieren Sie negativ mit Ihrer Geschäftstätigkeit? 

  • Priorisieren Sie dann die identifizierten Themen. Welche sind am schwerwiegendsten? Welches Thema sollten Sie zuerst angehen? 

  • Entwickeln Sie daraufhin einen Massnahmenplan mit klaren Zielen und Verantwortlichkeiten. 

Kernelement 3: Massnahmen und Wirksamkeitskontrolle

Die Entwicklung von Massnahmen und deren Wirksamkeitskontrolle ist dann das dritte Kernelement. Es kann zwischen spezifischen und allgemeinen Massnahmen unterschieden werden. Bei den spezifischen Massnahmen geht es darum, passende Massnahmen für die identifizierten Themen zu finden. 

Wir nehmen einmal an, dass Heimarbeit und Arbeitsschutz bei Ihnen als Themen identifiziert wurden. Dann brauchen Sie differenzierte Massnahmen. Heimarbeit ist ein systemisches Problem, was wahrscheinlich die komplette Region betrifft. Hier könnte eine gute Massnahmen sein, sich in einer Brancheninitiative anzuschliessen oder mit entsprechenden NGOs zu sprechen. Beim Thema Arbeitsschutz könnten vor-Ort-Audits und Schulungen zu den gewünschten Verbesserungen führen. 

Es gibt dann noch ganz allgemeine Massnahmen, die für jedes Unternehmen gelten: 

  • Entwickeln Sie einen lebenden Verhaltenskodex. Papier ist geduldig und es ist einfach Ressourcen zu verschwenden. Stellen Sie also sicher, dass Sie die Lieferanten und die Einkäufer und andere wichtige Personen schulen, damit alle wissen was da drin steht. 

  • Binden Sie den Kodex in die Einkaufsdokumente mit ein. 

  • Es ist auch wichtig, die Einhaltung des Kodizes immer wieder zu überprüfen. 

  • Bei der Lieferantenauswahl sollten soziale Kriterien auch eine Rolle annehmen und nicht nur der Preis. Bei unzureichenden Anstrengungen in diesem Bereich sollten Sie auch über Sanktionen signalisieren, dass das Thema für Sie für Sie wichtig ist. 

Kernelement 4: Berichterstattung

Mit Berichterstattung ist gemeint, dass Sie Informationen zu Ihrem Sorgfaltsprozess festhalten und ggf. auch extern kommunizieren. Es gibt kein vorgegebenes Format, wie Sie die Information festhalten sollten. Wählen Sie also ein für Sie passendes Format aus (Beispiele sind CSR-Bericht, Handbuch, Human Rights Report etc.). Im NAP ist erwähnt, dass es für KMU zu keinem unverhältnismäßigen Aufwand kommen soll. Behalten Sie das also im Auge. 

Kernelement 5: Abhilfe und Beschwerdewege

Dies ist womöglich das schwierigste Element für die Umsetzung. Mit Beschwerdeweg ist gemeint, dass Sie als Unternehmen Abläufe haben, damit Beschwerden gemeldet werden können. Eine Beschwerde könnte z.B. sein, dass eine Mitarbeiterin bestraft wurde, weil Sie einer Gewerkschaft beigetreten ist. Sie müssen dann auch Abhilfe schaffen, d.h. den Vorfall wieder gut machen. Das Spektrum reicht hier von einer einfachen Entschuldigung bis hin zu finanziellen Entschädigungen. Für die Hinterbliebenen der über 1000 Opfer des tragischen Einsturzes des Fabrikgebäudes Rhana Plaza in Bangladesch z.B. wurden insgesamt 30 Millionen Euro ausbezahlt. 

Es gibt verschiedene Wege, ein Beschwerdeverfahren einzurichten. Sie können sich an existierenden Beschwerdemechanismen von Branchen-Initiativen beteiligen oder selbst eins aufbauen. Wichtig ist, dass es ein funktionierendes System ist und folgende Kriterien befolgt werden:

  • Legitim: Die Abwicklung erweckt Vertrauen

  • Zugänglich: Das System ist allen bekannt. Keine Sprachbarrieren. 

  • Berechenbar: Es ist nahvollziehbar bzgl. Abläufe und Ergebnisse

  • Transparent: Es wird über das Handling der Beschwerde kommuniziert 

  • Rechtskonform: Die Abhilfen stehen im Einklang mit dem Gesetz

Erfolgsfaktoren sind Partnerschaft und Kooperation

Zum Schluss möchte ich Ihnen noch ein paar Erfolgsfaktoren mitgeben, die ich aus Projekten gewonnen habe und die sich unter dem Überbegriff “Partnerschaft und Kooperation” zusammenfassen lassen: 

  • Kommunizieren Sie auf Augenhöhe mit Ihren Lieferanten. Kein Top-Down Approach. Übergeben Sie nicht einfach die Anforderung, sondern stellen Sie sicher, dass das Verständnis dafür gegeben ist und die Lieferanten “on-board” sind.

  • Arbeiten Sie aktiv an Lösungen mit. Lassen Sie Ihre Lieferanten nicht allein komplexe Probleme lösen. Aus unserer Erfahrung hilft es sehr, wenn Sie zusammen an Lösungen arbeiten. 

  • Seien Sie auch bereit, finanziell zu unterstützen. Manchmal gibt es Probleme, die auch grosse finanzielle Investitionen erfordern (Investition in Schutzmassnahmen, Anpassung der Löhne, etc.). Für manche Lieferanten kann dies existenzbedrohlich sein. Seien Sie aufgeschlossen und überlegen Sie gemeinsam nach Lösungen. 

Wenn Sie es bis zum Schluss des Artikels geschafft haben, dann freue ich ich sehr über Kommentare und Anmerkungen. Welche Erfolgsfaktoren haben für Sie funktioniert? Wie weit stehen Sie im Prozess der Sorgfaltspflicht? 

Ich freue mich über Ihre Anmerkungen. 

Viele Grüße Federica 


#humanrights hashtag#corporateresponsibility



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